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LIBERALER UMGANGSTON

ERFAHRUNGEN EINES „SENIOR EXPERTEN“ MIT DER KINDERHÄMATOLOGIE IN CHINA

Zehn Jahre nach seiner Emeritierung ist Fritz Lampert jetzt als „Senior Experte“ nach China gereist, um dort seine Erfahrungen als Kinderarzt und Blutspezialist einzubringen. Seine Eindrücke von Land und Leuten und seine Erlebnisse im Workers' Hospital hat er protokolliert.

China, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Irgendwie erinnerte mich meine Reise dorthin an Goethes Motto im Faust: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben, ...“. Über drei Wochen war ich im Sommer in der industriell aufstrebenden Millionen-Stadt Liuzhou in Guangxi, der südwestlichen Provinz, wo insgesamt 45 Millionen Menschen leben. Liuzhou wurde bereits 111 v. Chr. während der Hand-Dynastie gegründet. Das Klim aist mit 35° C und hoher Luftfeuchtigkeit subtropisch, verstärkt durch den immerwährenden Smog.

Gearbeitet habe ich ehrenamtlich, im Auftrag des Senior Experten Service (SES), Bonn. Mein Einsatz als „Pediatric Hematologist who can speak English“ war angefordert worden vom Liuzhou Workers' Hospital, das mit der Quangxi Medical University verbunden ist.

Der SES als Stiftung der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit besteht seit 1983, hat über 7.000 Spezialisten im Ruhestand registriert und bereits 18.000 Einsätze, meist auf technisch-handwerklichem Gebiet, in über 156 Ländern betreut.

Über 30 Abteilungen


Auf dem Lande in Südchina
Das Workers' Hospital von Liuzhou ist zentral in der Stadt gelegen, zwischen grünen, zuckerhutartigen Karstbergen und dem breiten, träge sich windenden Liujiang-Fluss. Dieses mehrstöckige Allgemein-Krankenhaus mit 1.200 Betten hat über 30 Abteilungen, von Cardiovascular Surgery bis zu Hematopoetic Stem Cell Transplantation Wards, vom Breast Cancer Screening Center bis zur Traditional Chinese Herbal Pharmacy. Es gibt auch eine Bibliothel; aber keiner liest in den wenigen, verstaubten englisch-sprachigen Zeitschriften. Jedoch hängen an der Wand zwei Bilder von Karl Marx mit roten Anspornparolen.

Das Department of Paediatrics im 3. Stock verfügte über eine Station mit 45 Betten, eine angeschlossene Neugeborenen-Intensivüberwachungseinheit mit 19 Betten und eine lebhafte Ambulanz (Outpatient Clinic). Von dem ständig mit 8 bis 10 Betten belegten Mittelgang gingen links die (klimatisierten) Zwei-Bett-Zimmer, rechts die Drei-Bett-Zimmer ohne Klimaanlagen (bei 35° C!) aus. Jeweils angeschlossen an die Zimmer war eine gekachelte Nasszelle mit Loch als Toilette, einem Waschtrog und einem Balkon zum Wäschewaschen und -trocknen. Alle Patientenbetten waren von Erwachsenengröße, da Tag und Nacht die Mütter (oder Väter) mit ihren erkrankten Kindern darauf schliefen. In jedem Zimmer plärrte ein Fernseher, und aus jeder Ecke klingelte ein Handy.

Kaum einer spricht Englisch


Morgendlicher Englisch-Unterricht im Krankenhaus
Es gab auf der Abteilung rund 20 kurzärmelig weiß bekittelte Ärzte und 22 rosa bekittelte Krankenschwestern – ihr monatlicher Verdienst beträgt etwa 2.000 Yüan (ca. 200 Euro). Überall, im großen Arztzimmer wie auf der Schwesternstation, standen Computer. Auf dem Bildschirm erscheinen nur chinesische Schriftzeichen, eingetippt wird aber auf der uns vertauten Tastatur mit lateinischen Buchstaben in Pinyin, der modernen chinesischen Lautschrift, die die Kinder schon auf der Schule lernen. Aber niemand versteht oder spricht Englisch. Nur die Zahlen werden wie bei uns geschireben.

Der etwas Englisch sprechende Leiter der Abteilung und mein Ansprechpartner war Dr. Tian Xin (46), ein Allgemeinpädiater, der mit großem Engagement auch in der Poliklinik und im Nachtdienst tätig war. Sehr imponierte mir seine schnelle und elegante Punktionstechnik auf dem Krankenbett: Die Knochenmarkaspiration mit 1er-Kanüle am oberen Brustbein ohne Narkose; die Lumbalpunktion im Liegen bei intravenöser Kurznakose.

Die Krakenschwestern waren kompetent. Sie legten die i.v.-Zugänge am Handrücken, verabreichten Infusionen und die Chemotherapie genau nach den in Chinesisch ausgedruckten Computeranweisungen der Ärzte. Der Umgangston untereinander war sehr liberal; ja, die Schwestern konnten sogar sehr laut mit den Ärzten schimpfen. Und auch Eltern und Großeltern beschwerten sich oft energisch, wenn das Fieber bei ihrem Kind nich runter ging, die Pflege nicht ordentlich war oder wenn (therapiebedingt) plötzlich die fleckförmigen Hautblutungen auftraten.

Die Eltern müssen für den Krankenhaustag (30 Y – ca. 3 Euro), Prozeduren (MRT = 860 Y) und Behandlung (500 mg ARA-C = 198 Y; Blutplättchentransfusion = 1.600 Y) selbst zahlen. Da ist es dann mehr als schmerzhaft zu erleben, wenn eine Leukämie-Chemotherapie aus Geldmangel (Haus und Vieh waren schon verkauft) abgebrochen wird oder eine solche gar nicht angefangen wird nach der Diagnosestellun. „ They gave up&ldquo, heißt es dann.

Alle Kinderkrankheiten vertreten

Die Patienten der Station zeigten die ganze Buntheit der Kinderkrankheiten: Infektiöse (Bronchitis, Bronchiolitis, Pneumonie, Enteritis, Mononukleose) und Nicht-Infektiöse (Asthma, Diabetes, Ertrinkungsunfall, Nephrotisches Syndrom, Angeborene Herzfehler, Anfallsleiden, Migräne) aller Altersstufen; und dazwischen die hämatologischen Fälle (ITP. Aplastische Anämie, Thalassämien jeder Art, hämolytisch-urämisches Syndrom).

Kaum zu glauben, dazwischen 4-6 Patienten mit verschiedenen Laukämien. Die Akute lymphoblastische Leukämie (ALL) wird nach dem von Hongkong geführten ALL-CCLG-2008 Protokoll behandelt, welches identisch mit der deutschen BFM-Therapie ist. Die akute myleoische Leukämie (AML) wird nach NOPHO-AML 2004 behandelt. Die Chemotherapievorschriften werden protokollgerecht minutiös nach dem Chinesisch ausgedruckten Computervordrucken auf den Patienten übertragen. Dass in einem solchen Wirrwarr ohne hygienische Isolation eine solche Intensivtherapie möglich war, hat mich immer wieder verwundert. Eine Sepsis habe ich nie gesehen, trotz Fieber und gefährlichster Panzytopenie. Jeden Arbeitstag (Beginn 7:45 Uhr) nach der Morgenbesprechung über die Neuzugänge im großen Arztzimmer begann ich mit einer 30-minütigen Englisch-Instruktion, natürlich per Computer und Leinwand. Ich sprach laut die in Englisch und Chinesisch vorgegebenen Sätze vor, etwa Doctor: What can I do for You? Oder Parent: My child has fever! Und die genau zuhörenden Krankenschwestern, Studenten und Ärzte wiederholten Wort für Wort laut im Chor.

Nach dem stets mit Klatschen bedachten Englisch-Unterricht, ging es mit großem Gefolge auf die Station. Die Visiten waren meist mühsam, nicht nur wegen des sprachlichen Nicht-Verstehens, sondern wegen fehlender Einsicht in Entstehungsart und Verlauf von Krankheiten. Bei jedem Neuzugang übte ich die Patientenvorstellung. Auch ermunterte ich immer wieder, ins Labor zu gehen und Blut- und Knochenmarkausstriche im Mikroskop anzusehen. Miroskopie wäre nicht auf der Medical School gelehrt worden, wurde mir erklärt.

Manchmal wurde ich auch ärgerlich, wenn Zeichen für Meningitis oder Spastik übersehen wurden, wenn Leber- und Milzgröße nicht richtig getastet und kontrolliert wurden, oder wenn als Therapieantwort bei Blutplättchenmangel nur an Plättchentransfusion, bei Erniedrigung der weißen Blutkörperchen nur an den Wachstumsfaktor (GCS-F) reflexmäßig gedacht wurde, ohne die Ursache genau zu klären. „We treat patiens, not numbers!“ versuchte ich zu betonen, wenn die Ärzte nur auf den Computer-Bildschirm starrten.

Duftende Kügelchen gegen Bauchweh

Zweimal in der Woche beteiligte ich mich an der Poliklinik. Dort das Übliche: Überfüllte Wartezimmer und Kinder aller Altersstufen mit Husten, Schnupfen, Fieber, Hals-, Bauch- oder Kopfweh. Das Stethoskop und die Taschenlampe waren hier die wichtigsten Instrumente. Die Patienten gehörten teilweise zu der mehr braunhäutigen, eine andere Sprache sprechenden Minderheit der Zhuang. Alle Kinder waren sehr gut genährt, hatten aber oft (durch Vitamin-D-Mangel bedingte) platte Hinterköpfe. Perzentilenkurven mit regelmäßiger Eintragung von Körpergröße, -gewicht, Kopfumfang sah ich nicht. Die Körperthemperatur wurde axilliär gemessen. Fiebrige Kinder trugen auf der Stirn eine Kräuterpflasterbinde aud der Traditionell Chinesischen Medizin; hustende Kinder hatten dies über dem Rücken. Bei Bauchweh wurden aromatisch duftende Kügelchen zum Einnehmen verordnet. Eisenmangelanämien waren häufig. Angeforderte Blutbilder (aus dem Fingerblut) erhielt man innerhalb von 10 Minuten, aber ohne Ausstrichmorphologie. Manchmal kam auch ein besonderer Patient, so ein Kleinkind mit ALL in Dauerbehandlung oder ein Säugling mit einer von der Mutter übertragenen Hepatitis B.

Allgemein wird das Kind in China („der kleine Kaiser“) über alle Maßen verwöhnt – was eigentlich nicht verwundert bei der Ein-Kind-pro-Familie-Regel (bei mehr Kindern pro Ehe verlieren die Eltern ihre Stellung und zahlen Strafe).

Vor der Outpatient Clinic saßen auf Stühlen in einer riesigen Halle von mehr oder weniger gesund wirkende Kinder mit intravenösen Tropfinfusionen (Kochsalzlösung, Glukose, etwas Vitamine) im Arm zur Stärkung der „Abwehr“. Die Regel in China: Nur was intravenös gegeben wird, hilft wirklich.

Zusammenfassend, was die Kinderhämatologie betrifft, so konnte ich auch hier Heilungen bei der früher tödlichen Leukämie beobachten. Allerdings nicht so häufig wie bei uns. Die Probleme auf diesem Gebiet sind aber überall gleich auf der Welt. „Livin with Hope under the Same Blue Sky“, so heißt es in der von Hongkong ausgehenden Elternzeitschrift „Little Life Warrior Society“.

Grundlagen aus den USA und Deutschland

Als besondere Genugtuung aber habe ich hier in China empfunden, dass die Grundlagen zur Chemotherapie-Heilbehandlung bei Kinderkrankheiten neben den USA in Deutschland gelegt wurden und nun weltweit angewandt werden.

Was immer wieder auffällt, ist die übergroße Gastfreundschaft, aber auch die lärmend-fröhliche Diesseitigkeit der jungen Chinesen, die optimistisch und selbtbewusst der Zukunft entgegensehen.